Der Pianist und Komponist Omer Klein hat sich nie als Musiker verstanden, der bloß elegante Jazzminiaturen liefert. Seine Stücke waren schon immer kleine Dramaturgien – musikalische Räume, in denen sich Melodie, Rhythmus und Bewegung allmählich entfalten. Mit seinem neuen Sextett „Omer Klein & The Poetics“ treibt er dieses Prinzip nun auf eine neue Ebene.
Die Geburtsstunde dieses Ensembles schlug im Frühjahr 2025 während seiner Artist-in-Residence an der Alte Oper Frankfurt. Die Premiere ließ bereits erahnen, dass hier ein Klangkörper zusammengefunden hatte, der mehr ist als eine erweiterte Band. Nun liegt das Debütalbum vor, aufgenommen beim Bayerischer Rundfunk – und es bestätigt diesen Eindruck: „The Poetics“ ist ein Jazzalbum, das Bilder entstehen lässt.
Ein Ensemble, das atmet
Schon nach wenigen Takten wird klar, dass dieses Sextett anders funktioniert als viele moderne Jazzformationen. Das Besondere ist vielleicht, dass sich die Virtuosen zurücknehmen zugunsten eines Gesamteindrucks, zugunsten eines weiten Raums – die Luft zwischen den Tönen.
Kleins Klavier setzt oft den ersten Impuls: kurze, klare Figuren, die wie Kieselsteine in ruhiges Wasser fallen. Die Kreise, die daraus entstehen, greifen die Bläser auf. Saxofonistin Tineke Postma und Multiinstrumentalist Omri Abramov zeichnen Linien, die sich umeinander winden, aufsteigen, kurz verharren und wieder verschwinden.

Darunter arbeitet eine Rhythmusgruppe von bemerkenswerter Elastizität. Bassist Haggai Cohen-Milo und Schlagzeuger Amir Bresler halten den Puls beweglich, während Tupac Mantilla mit seiner Percussion ein feines Netz aus Farben und rhythmischen Akzenten spinnt. Manchmal klingt das wie ein fernes Echo brasilianischer Straßenrhythmen, dann wieder wie eine Spur westafrikanischer Polyrhythmik – und plötzlich wieder schlicht wie moderner Jazz.
Musik als Landschaft
Der Albumauftakt „Compassion“ wirkt wie ein vorsichtiges Herantasten. Ein ruhiges Klaviermotiv öffnet den Raum, darüber legt sich ein warmer Saxofonton. Erst nach und nach beginnt der Rhythmus zu atmen; ein Groove entsteht, der sich nicht aufdrängt, sondern sich langsam im Ohr festsetzt.
Ganz anders „Zebra Dazzle“. Der Titel verweist auf das optische Phänomen, mit dem Zebras im Rudel ihre Konturen auflösen. Genau dieses Prinzip scheint auch die Musik zu verfolgen: Themen tauchen auf, fragmentieren sich, Rhythmen verschieben sich minimal gegeneinander. Die Band bewegt sich dabei mit einer Präzision, die beeindruckt – ohne dass die Musik je konstruiert wirkt.
In „Vento & Terra“ öffnet sich das Klangbild fast filmisch. Warme Bläserakkorde und ein sanft schaukelnder Rhythmus erzeugen eine Atmosphäre mediterraner Weite. Kleins Klavierlinien ziehen darüber hinweg wie Wind über eine offene Landschaft.
Der vielleicht eindrucksvollste Moment des Albums ist jedoch „Plat Tunisien“. Hier verdichtet sich der Rhythmus zu einem hypnotischen Puls. Mantillas Percussion wirbelt kleine rhythmische Partikel durch den Raum, während Breslers Schlagzeug den Groove stabilisiert. Darüber setzt das Klavier immer wieder melodische Inseln – eine Musik, in der sich nordafrikanische Farben, urbane Jazzenergie und kammermusikalische Klarheit begegnen.
Gegen die Verkürzung
Klein hat selbst darauf hingewiesen, dass dieses Album auch eine Reaktion auf die Verkürzung der Musikkultur ist – auf fünfsekündige Clips und algorithmisch gesteuerte Aufmerksamkeit. „The Poetics“ antwortet darauf mit dem Gegenteil: langen Spannungsbögen, sorgfältig entwickelten Formen und einer Musik, die sich erst im Verlauf der Zeit öffnet.
Gerade darin liegt ihre Stärke. Die Stücke verlangen Konzentration, doch sie belohnen sie mit einer bemerkenswerten Tiefe. Es ist Jazz, der nicht auf den schnellen Effekt zielt, sondern auf Resonanz.
Unterwegs durch Europas Jazzräume
Nach der gefeierten Frankfurter Premiere ist das Sextett nun auf Tour durch einige der wichtigsten Jazzspielstätten Europas. Stationen sind unter anderem das legendäre Bimhuis, das Konzerthaus Dortmund, das Wiener Jazzhaus Porgy & Bess sowie die Elbphilharmonie.
Mit „Omer Klein & The Poetics“ ist ein Album entstanden, das gleichermaßen strukturiert und sinnlich wirkt. Es verbindet melodische Klarheit mit rhythmischer Raffinesse und entwickelt dabei eine Atmosphäre, die man eher erlebt als analysiert.
Oder anders gesagt: Diese Musik entfaltet Landschaften im Kopf.
Tourdaten
14 Mar 2026 Forum am Schlosspark, Ludwigsburg
15 Mar 2026 Bimhuis Amsterdam
18 Mar 2026 Staatstheater, Landsberg am Lech
19 Mar 2026 Zig Zag Jazzclub, Berlin
20 Mar 2026 Konzerthaus Dortmund
21 Mar 2026 Bergson, München
22 Mar 2026 Porgy & Bess, Wien
7 Apr 2026 Moods, Zürich
9 Apr 2026 Kammgarn Jazzfestival, Kaiserslautern
11 Apr 2026 Elbphilharmonie, Hamburg
12 April 2026 Schloß Neuhardenberg, Brandenburg