Dieser Jazzfund gehört in die Kategorie „Fantastische Zeitreise: „Oscar Peterson Trio: Live at Baker’s Keyboard Lounge – The Complete Recordings“ ist genau ein solcher Fall. Mehr als sechs Jahrzehnte lagen diese Aufnahmen im Verborgenen, ehe sie nun – pünktlich zum 100. Geburtstag von Oscar Peterson – ans Licht kommen. Und was hier zu hören ist, gehört nicht weniger als ins Zentrum der Jazzgeschichte.
Aufgenommen im August 1960 im legendären Baker’s Keyboard Lounge in Detroit, dokumentieren die Mitschnitte das Oscar Peterson Trio auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Gemeinsam mit Ray Brown am Bass und Ed Thigpenam Schlagzeug entfaltet Peterson eine Spielfreude, die zwischen technischer Brillanz und schierer Lust am Swing changiert.
Geradezu telepathische Kommunikation innerhalb des Trios
Was diese Aufnahmen so außergewöhnlich macht, ist nicht allein ihre historische Dimension, sondern die nahezu telepathische Kommunikation innerhalb des Trios. Hier wird nicht begleitet – hier wird gemeinsam gedacht, geatmet, beschleunigt und verzögert. Besonders in Uptempo-Nummern zeigt sich Petersons berühmter „will to swing“ in einer fast übermenschlichen Energie, während Balladen von einer aristokratischen Eleganz getragen werden, die ihresgleichen sucht.

Der Club selbst – mit seinen gerade einmal 99 Plätzen – wirkt dabei weniger wie eine Bühne als wie ein Resonanzkörper. Man hört das Publikum nicht nur, man spürt es – vor allem über die Kopfhörer. Diese Nähe verleiht Stücken wie „Yesterdays“ oder „The Touch Of Your Lips“ eine Intimität, die im Studio kaum zu reproduzieren wäre. Gleichzeitig geraten Nummern wie „Django“ oder „Confirmation“ zu Demonstrationen pianistischer Souveränität, ohne jemals ins Virtuosenhafte um seiner selbst willen abzugleiten.
„S’posin“
Besondere Aufmerksamkeit verdient „S’posin“ – Petersons einzige bekannte Aufnahme dieses Standards. Hier kulminiert alles, was dieses Trio auszeichnet: rhythmische Präzision, spielerische Leichtigkeit und ein untrügliches Gespür für dramaturgische Bögen.
Dass diese Bänder überhaupt wiederentdeckt wurden – vergessen in einer falsch beschrifteten Archivkiste des Labels Verve Records – wirkt wie ein glücklicher Zufall, der sich im Nachhinein als kulturhistorische Notwendigkeit entpuppt. Denn diese Mitschnitte sind weit mehr als ein Supplement zum bekannten Werk Petersons: Sie sind ein eigenständiges Statement.
Die vollständige Edition, die alle fünf Sets des Abends in originaler Reihenfolge präsentiert, offenbart dabei erst die ganze dramaturgische Spannweite dieses Konzertmarathons – vom lockeren Einstieg bis zum ausgelassenen Finale.
Tracklist – Standard Version:
- Politics & Poker
- Dancing on the Ceiling
- S’posin
- Django
- Liza (All The Clouds’ll Roll Away)
- Where Do I Go From Here?
- Yesterdays
- Softly As In a Morning Sunrise
- The Touch Of Your Lips
Tracklist – Complete Recordings:
LP1 / Side A
- Autumn Leaves
- Django
- Confirmation
- Whisper Not
- Closing/Billy Boy
LP1 / Side B
- The Touch Of Your Lips
- Ill Wind
- Chicago
LP2 / Side A
- I Love You
- Closing/Blues For Big Scotia
- Dancing On The Ceiling
- Politics & Poker
- Where Do I Go From Here?
LP2 / Side B
- I Didn’t Know What Time It Was
- Liza (All The Clouds’ll Roll Away)
- Yesterdays
- Softly As a Morning Sunrise
- S’posin
LP3 / Side A
- I Remember Clifford
- Let There Be Love
- Swamp Fire
- Closing/Intros/Blues For Big Scotia
- Satin Doll
LP3 / Side B
- Woody ’n’ You
- My Funny Valentine
- Scrapple From The Apple
- Closing/Intros/Billy Boy/When The Saints Go Marching In
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Diese Veröffentlichung ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern eine lebendige, atmende Erinnerung daran, was Jazz in seiner reinsten Form sein kann. Oder anders gesagt: Es hat viele große Pianisten gegeben – aber nur einen Oscar Peterson. Eine fantastische Aufnahme!