Der Augenblick, in dem die Maske fällt – Peter „Beppo“ Szymanski stellt seine Fotografien unter dem Titel „Momentaufnahmen“ in Brühl aus

Zwischen Steven Wilson und Steve Vai: Peter "Beppo" Szymanski zeigt seine Bilder im Rathaus Brühl. FOTO: Dylan Akalin

Es sind keine schnellen Bilder und keine beiläufigen Klicks, die Peter „Beppo“ Szymanski auszeichnen. Seine Fotografien entstehen aus Geduld, aus Nähe – und aus dem feinen Gespür für jenen winzigen Moment, in dem ein Mensch mehr von sich preisgibt, als er vielleicht beabsichtigt hat. Anlässlich der Ausstellung „Momentaufnahmen“ im Rathaus Brühl (Steinweg 1), die noch bis zum 2. Februar 2026 zu sehen ist, habe ich bei der Eröffnung über einen Fotografen gesprochen, der nicht jagt, nicht dokumentiert, sondern wartet – und genau deshalb Bilder schafft, die bleiben. Der folgende Text ist meine Rede zur Ausstellungseröffnung.

Von Dylan C. Akalin

Ohne Leidenschaft geht nichts. Und ohne ein Verständnis für Linien, Farben, Formen, für Licht und Schatten entsteht keine Kunst. Peter Szymanski hat beides. In dieser Ausstellung gibt er einen Einblick in seine konzeptionelle Idee von Fotografie. Der Titel „Momentaufnahmen“ trifft dabei sehr genau, worum es ihm geht.

Sie mögen sagen, dass jede Aufnahme mit dem Handy eine Momentaufnahme ist. Und das stimmt. Bei Peter Szymanski sind es jedoch genau die Momentaufnahmen, auf die er lange wartet. Er lauert. Geduldig und konzentriert. Ein Fotograf hat mir einmal gesagt, er fühle sich, als sei er auf der Jagd, um den präzisen Schuss zu setzen. Peter Szymanski aber ist nicht auf der Jagd. Und er ist auch kein Chronist.

Wenn er Musikerinnen und Musiker fotografiert, dann versucht er, Teil der Performance zu sein – natürlich nicht als aktiver Teilnehmer, sondern als Porträtist. Wie ein Porträtmaler, der das Licht verschiebt, bis ein Gesicht beginnt, etwas preiszugeben, wartet Peter Szymanski auf jenen winzigen Augenblick, in dem die Maske fällt.

Nicht die Pose interessiert ihn, sondern das Dazwischen: der Zweifel, die Hingabe, die Verletzlichkeit. Der Moment, in dem ein Mensch auf der Bühne kurz ganz bei sich ist. 

Steven van Zandt – so nah, als wolle er uns etwas zuflüstern.

Philippe Catherine, selbst erstaunt über einen Lauf, der gerade erst geboren wird.

Van Morrison, der sich inszeniert wie ein Gangsterboss – größer als das Leben.

Joe Jackson, sonst so selbstkritisch, hier für einen Moment vollkommen glücklich.

Erik Truffaz, der aus dem Dunkel tritt, nur kurz, nur für diesen einen Ton.

Jeff Beck, der sich schon zu Lebzeiten als ikonische Figur verstand. Robert Smith von The Cure kurz vor dem Abheben. Megan Lovell, die Ruhige des Duos Larkin Poe, völlig entrückt vor einer wie eine Sonne brennenden Lichtquelle. Und David Heumann von Arbouretum, der mit seiner Gitarre das Licht wie durch einen Gazeschleier durchstößt – passend zu diesem sehr cineastischen Rock.

„Die Fotografie ist neben der Musik meine zweite große Leidenschaft. Seit Jahren ist die Kamera mein ständiger Begleiter“, sagt Peter Szymanski. Das stimmt. Ich habe ihn nur selten ohne Kamera gesehen.

1951 in Brühl-Badorf geboren, beginnt er mit 14 Jahren eine Lehre in Hürth-Knapsack bei Rheinbraun als Betriebsschlosser. 1974 besucht er die Rheinische Bergschule in Frechen-Bachem und arbeitet fortan als Steiger beziehungsweise Fahrsteiger bei Rheinbraun. Nach 28 Jahren im Wechselschichtdienst wird er 2003 in den Vorruhestand geschickt. Die Braunkohle, so habe ich manchmal den Eindruck, steckt ihm im Blut.

Einmal fuhren wir auf dem Weg zu einem Festival durch das Revier. Er sah aus dem Fenster und sagte plötzlich: „Manchmal vermisse ich den Geruch von frisch geschnittener Braunkohle.“ Ein Satz wie ein Foto: unscheinbar – und voller Geschichte.

Peter Szymanski ist vielleicht kein Mann der vielen Worte. Dafür versteht er es, sich mit Bildern auszudrücken. Und er ist einer der gebildetsten Menschen, die ich kenne – mit einem erstaunlich breiten Interessensspektrum: französischer und italienischer Autorenfilm, amerikanischer Independent-Film, bildende Kunst, Literatur. Er kennt sich hervorragend mit Jazz aus, und im klassischen Rock und Blues macht ihm so schnell keiner etwas vor. Musik aber bedeutet für ihn immer auch das Liveerlebnis. Er sah früh Deep Purple – 1970, gleich zweimal – außerdem Yes, Steamhammer und viele andere.

Anfang der 1960er Jahre entdeckte er früh seine Leidenschaft für die Fotografie. Zu Weihnachten bekam er seinen ersten Fotoapparat, eine Kodak Instamatic. Filme und Entwicklung waren teuer, jeder Auslöser wollte gut überlegt sein. In den frühen 1970er Jahren kaufte er sich eine Rollei B35 – damals kostete sie ein halbes Vermögen. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr lernte er den Umgang mit Filmentwickler, Fixierer und die Techniken der Dunkelkammer.

Aufgewachsen in den 60er Jahren, hat die Pop- und Rockkultur tiefe Eindrücke hinterlassen. Bis heute. „Auf LP Covern und Zeitschriften sah man irre Fotos von unseren Helden. Da kam der Wunsch, auch solche Fotos zu machen, aber erst später.“

Nachdem ihm seine Rollei gestohlen wurde, stieg er auf Spiegelreflexkamera, um und kaufte sich eine Canon FTb mit lichtstarkem 50‑Millimeter-Objektiv. Zu dieser Zeit entstanden die ersten, noch vorsichtigen Konzertfotos. 

Früher war es tatsächlich kein Problem, mit der Kamera auf Konzerte zu gehen. Aber die analoge Fotografie war eine Herausforderung. Das musste er schnell erkennen. Am 6. Dezember 1974 erlebte er Queen in den Kölner Sartory Sälen. „Dafür hatte ich mir ein Blitzgerät geliehen, mich direkt vor die Bühne gestellt und einen Film verknipst. Die Fotos waren gut, und das Konzert war eins der besten, das ich je gesehen habe“, erzählte er mir.

Später veränderte das digitale Zeitalter alles: Bilder waren sofort sichtbar, konnten bearbeitet und gedruckt werden. Peter eignete sich diese neuen Möglichkeiten mit großer Neugier und Disziplin an.

Er stellte seine Arbeiten in der Fotocommunity aus – einem Portal, in dem Bilder gezeigt und oft gnadenlos kritisiert wurden. Dort lernte er einen Fotografen aus Bonn kennen, und über diesen Weg den Musikclub Harmonie. Das ist mehr als zwanzig Jahre her, und Peter ist dort bis heute ein regelmäßiger Gast.

Dort hörte er, dass häufig ein Besucher von der Zeitung anwesend sei, der über Konzerte schreibe. In der Kölner Kantine sprach er ihn einfach an: „Du schreibst, ich liefere die Fotos.“ Der Journalist sagte: „Ich habe einen Profi – aber schick mir mal was.“ Dieser Mann war ich. Und das ist inzwischen auch schon wieder mehr als zehn Jahre her.

Von da an besuchten wir viele Konzerte und Festivals – und wurden Freunde. Seitdem erscheinen unsere Kritiken, Interviews und Fotos auf meiner Webseite jazzandrock.com, aber in Musikmagazinen wie Eclipsed und Jazzpodium oder im General-Anzeiger. Und manchmal auch auf Plattencovern wie etwa von Mitch Ryder, der von einer Aufnahme von Peter besonders angetan war.

Anfangs war ich tatsächlich skeptisch, nicht wegen der Technik oder der oft extrem schwierigen Lichtverhältnisse. Konzertfotografie verlangt auch ein journalistisches Verständnis: das eine Bild, das für ein zweistündiges Konzert steht. Fotografieren ist oft nur während der ersten drei Songs erlaubt, manchmal aus großer Distanz, unter schlechten Bedingungen, mit versperrter Sicht. Aber Peter bewältigt das alles.

Als ich seine anderen Arbeiten sah, war ich sprachlos. Nicht, weil sie gefallen wollten –sondern weil sie sich Zeit nahmen.

„Der Schwimmer“, ein Bild wie ein Gemälde: verfremdetes Wasser, die Figur nur schemenhaft. „Nachbarschaft“ – ein Spiel mit Formen und Farbfeldern, fast kubistisch. „Kraftwerk“ erinnert an den frühen amerikanischen Landschaftsfotografen Ansel Adams: Dunkle Wolken, weißer Dampf, klare Linien, so realistisch komponiert, dass es fast unwirklich erscheint – als habe jemand Ordnung in das Chaos der Welt gebracht.

Die leuchtende Straße von „On the Road“, das Spiel mit Licht und Reflexion bei „Schlauch“, der verschmitzte Humor von „Die Milch macht’s“, die Verfremdungen bei „Entenweiher“ – all das zeugt von einem Künstler, der die Welt mit anderen, neugierigeren Augen betrachtet als viele von uns.

„Momentaufnahmen“ ist eine längst fällige Einzelausstellung – und das in dem Jahr, in dem Peter Szymanski 75 Jahre alt wird. Es sind Bilder eines Menschen, der sein Leben lang genau hingeschaut, zugehört und gewartet hat. Und der im richtigen Moment auf den Auslöser drückt.