CD-Box „Breaking Out Of Heaven 2007–2009“: Der späte Triumph einer Band jenseits ihres eigenen Mythos

Zwischen 2007 und 2009 formierte sich mit Heaven & Hell eine jener seltenen Konstellationen, in denen Vergangenheit und Gegenwart produktiv aufeinandertreffen. Die CD-Box „Breaking Out Of Heaven 2007–2009“ bündelt diese Phase: ein Studioalbum, zwei Live-Mitschnitte und damit das letzte künstlerische Statement von Ronnie James Dio. Statt bloßer Rückschau entsteht das Bild einer Band, die ihr eigenes Erbe neu deutet – konzentriert, kraftvoll und erstaunlich zeitlos. 

Von Dylan C. Akalin

Es ist eine eigentümliche Ironie der Musikgeschichte, dass eine der stärksten Inkarnationen von Black Sabbath nicht unter diesem Namen firmierte. Als sich Tony Iommi, Geezer Butler, Ronnie James Dio und Vinny Appice in den späten 2000er Jahren erneut zusammenschlossen, entschieden sie sich für die Bezeichnung Heaven & Hell. Ein pragmatischer Schritt – rechtlich motiviert, aber künstlerisch folgerichtig. Denn was diese Band spielte, war mehr als eine Fortsetzung: Es war eine bewusste Neuformulierung.

Die Box „Breaking Out Of Heaven 2007–2009“ bündelt dieses Kapitel in einer Form, die ebenso kompakt wie eindrucksvoll ist. Im Zentrum steht das Studioalbum „The Devil You Know“, flankiert von zwei Live-Dokumenten, die die Wucht dieser Formation in ihrer ganzen physischen Präsenz erfahrbar machen. Ergänzt wird das Material durch visuelle Mitschnitte, die den Charakter dieser Band als Bühnenorganismus unterstreichen.

Doch die eigentliche Stärke dieser Veröffentlichung liegt nicht nur in ihrem Umfang, sondern in ihrer Geschlossenheit. Hier gibt es kein tastendes Suchen, kein fragmentarisches Sammeln. Alles wirkt entschieden, konzentriert, fast notwendig.

Jenseits des Sabbath-Mythos

Der Vergleich mit Black Sabbath drängt sich natürlich auf – und führt doch in die Irre, wenn man ihn zu simpel führt. Denn Heaven & Hell sind nicht einfach „Sabbath ohne Ozzy“. Sie sind vielmehr die konsequente Weiterentwicklung jener Phase, die mit Heaven and Hell (1980) begann, als Ronnie James Dio die Band erstmals neu definierte.

Wo Ozzy Osbourne für das Unberechenbare, Lakonische, beinahe Unheimliche steht, bringt Dio Struktur, Pathos und erzählerische Klarheit ein. Seine Texte greifen häufig auf mythologische und fantastische Motive zurück, doch in seiner späten Phase verlieren sie jede Spur von Eskapismus. Auf „The Devil You Know“ wirken sie wie düstere Gleichnisse über Macht, Angst und Vergänglichkeit.

Musikalisch ist das Ergebnis ein Sound, der weniger im Blues wurzelt als der frühe Sabbath, dafür aber dichter, schwerer und kompromissloser erscheint. Tony Iommis Gitarrenarbeit bleibt das Fundament – diese unverwechselbaren, monolithischen Riffs, die sich wie tektonische Platten verschieben. Doch sie werden hier präziser gefasst, weniger roh, dafür umso zwingender.

Das dunkle Herz: The Devil You Know

Im Zentrum der Box steht ein Album, das in seiner Konsequenz fast erschreckt. „The Devil You Know“ ist kein Alterswerk im klassischen Sinne. Es sucht weder Versöhnung noch Rückblick. Vielmehr wirkt es wie eine letzte, entschlossene Verdichtung.

Stücke wie „Atom and Evil“ oder „Fear“ bauen auf einer fast klaustrophobischen Schwere auf. Die Musik scheint sich nicht zu bewegen, sondern zu lasten. Darüber erhebt sich Dios Stimme – weniger strahlend als in jungen Jahren, dafür dunkler, brüchiger, eindringlicher. Es ist der Gesang eines Mannes, der nichts mehr beweisen muss, der sich längst freigesungen hat. 

Der Höhepunkt ist „Bible Black“, ein Stück von epischer Spannweite. Es beginnt zurückgenommen, beinahe fragil, nur um sich zu einem massiven Finale aufzutürmen. Hier zeigt sich die ganze Klasse dieser Band: die Fähigkeit, Dynamik nicht als Effekt, sondern als Erzählform zu begreifen.

Die Bühne als Ritual

Während das Studioalbum die kontrollierte Seite von Heaven & Hell zeigt, entfalten die Live-Aufnahmen ihre eigentliche Natur. Die Mitschnitte aus der Radio City Music Hall in New York und vom Wacken Open Air kommen mir beim Hören wie Manifestationen von Gegenwart vor. Vital, präsent, auf den Punkt.

Klassiker wie „Heaven and Hell“ oder „The Mob Rules“ gewinnen hier eine neue Dimension. Sie werden gedehnt, variiert, gesteigert – Songs wie Rituale. Besonders „Heaven and Hell“ entwickelt sich zu einer Art kollektiver Beschwörung, getragen von Iommis endlosen Variationen und Dios charismatischer Präsenz.

Auffällig ist die Disziplin dieser Auftritte. Nichts wirkt beiläufig, nichts dem Zufall überlassen. Diese Band hat das Zelebrieren zu einem Selbstverständnis manifestiert.

Ein Vermächtnis ohne Pathos

Es wäre einfach, diese Box ausschließlich als Abschiedsdokument zu lesen – schließlich handelt es sich um die letzten Aufnahmen von Ronnie James Dio. Und doch liegt ihre Größe gerade darin, dass sie sich diesem Pathos entzieht.

„Breaking Out Of Heaven 2007–2009“ verweigert sich einem melancholischen Rückblick, weil es dafür viel zu aktuell klingt. Es zeigt eine Band, die sich ihrer Geschichte bewusst ist, ohne sich von ihr lähmen zu lassen. Die Vergangenheit ist hier kein Ballast, sondern formbares Material.

Natürlich wird man einwenden können, dass die Box wenig wirklich Unveröffentlichtes bietet. Dass sie eher kuratiert als entdeckt. Doch dieser Einwand greift zu kurz. Denn der Wert dieser Veröffentlichung liegt nicht im Neuen, sondern im Zusammenhang. In der Möglichkeit, dieses kurze Kapitel als das zu hören, was es ist: ein geschlossenes Werk.

Warum sich diese Box lohnt

Für langjährige Hörer erschließt sich hier eine oft unterschätzte Phase in einer Klarheit, die ihr zuvor möglicherweise fehlte. Für jüngere Zuhörer bietet sich ein Zugang zu einer Band, die zeigt, dass Heavy Metal auch im Spätwerk nichts von seiner Dringlichkeit verlieren muss.

Vor allem aber dokumentiert diese Box eine seltene Konstellation: Vier Musiker, die aus künstlerischer Notwendigkeit zusammenfinden. Das Ergebnis ist Musik, die schwer ist, ohne träge zu wirken, episch, ohne ins Bombastische zu kippen, und ernst, ohne je prätentiös zu erscheinen.

Die späte Verdichtung des Heavy Metal

„Breaking Out Of Heaven 2007–2009“ ist ein monolithisches Dokument einer Band, die sich neu erfunden hat, indem sie sich auf ihre stärksten Elemente konzentrierte.

Wenn der frühe Black Sabbath den Urknall des Heavy Metal markiert, dann ist Heaven & Hell dessen späte Verdichtung – dunkel, präzise und von einer Würde, die man in diesem Genre nur selten findet.