Von Dylan C. Akalin
Mit der „Aerosmith (Legendary Expanded Edition)“ legt Aerosmith ihr Debüt von 1973 in einer luxuriösen Dreifach-Edition neu vor – und liefert damit zugleich ein Lehrstück darüber, wie man Archivpflege betreibt… und wo sie ins Fragwürdige kippt. Zwei Versionen desselben Albums – sinnvoll oder redundant?
Aud drei CDs erweiterte Ausgabe des 1973 erschienenen Debüts
Aerosmith stellt hier ihre eigene Frühphase gleich doppelt zur Diskussion. Die auf drei CDs erweiterte Ausgabe des 1973 erschienenen Erstlings ist ein spannendes Dokument künstlerischer Selbstvergewisserung.

Im Zentrum steht das ursprüngliche Album, das hier in zwei Versionen vorliegt: als klassisches Remaster und als komplett neuer Remix aus dem Jahr 2024. Letzterer erweist sich schnell als eigentlicher Schlüssel zur Musik. Während das Original lange unter einem eher flachen, wenig durchsetzungsfähigen Klangbild litt, bringt der Remix eine spürbare Frische ins Spiel. Gitarren treten klarer hervor, die Rhythmussektion gewinnt an Druck, und selbst vermeintlich bekannte Stücke wie „One Way Street“ oder „Make It“ entfalten plötzlich eine räumliche Tiefe, die ihnen zuvor fehlte.
Historische Fußnote
Das Remaster hingegen wirkt im direkten Vergleich fast wie eine historische Fußnote. Es ist sauber und respektvoll umgesetzt, bleibt aber klanglich deutlich hinter den Möglichkeiten des Remix zurück. Genau hier beginnt die kritische Frage dieser Edition: Warum stellt man beide Fassungen gleichberechtigt nebeneinander, wenn eine davon hörbar überlegen ist? Der Eindruck drängt sich auf, dass weniger eine kuratorische Notwendigkeit als vielmehr der Wunsch nach Vollständigkeit – oder Vermarktung – den Ausschlag gegeben hat.
Richtig lebendig wird diese Veröffentlichung erst mit der dritten CD. Die enthaltenen Live-Aufnahmen aus dem Bostoner Club Paul’s Mall zeigen Aerosmith in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung – roh, ungeschliffen und noch stark im Blues verwurzelt. Hier begegnet man keiner routinierten Stadionband, sondern einer Gruppe, die sich ihren Sound erst erarbeitet. Coverversionen und ausufernde Grooves prägen das Bild, während spätere Hits noch keine dominante Rolle spielen. Gerade diese Unfertigkeit verleiht den Mitschnitten ihren besonderen Reiz.
Einblicke in den kreativen Prozess
Ergänzt wird das Material durch eine Reihe bislang unveröffentlichter Studioaufnahmen und Session-Fragmente. Diese Stücke sind weniger als eigenständige Songs interessant denn als Einblicke in den kreativen Prozess. Alternative Takes, lose Jams und skizzenhafte Ideen lassen erkennen, wie sich das musikalische Vokabular der Band nach und nach formte. Besonders eindrucksvoll ist dabei das ausufernde „Joined At The Hip“, das bereits Motive vorwegnimmt, die später in ausgearbeiteter Form wieder auftauchen sollten. Solche Momente machen deutlich, wie nah Experiment und späterer Klassiker beieinander liegen können.
So bleibt die Legendary Expanded Edition letztlich ein zweischneidiges Projekt. Dort, wo sie Kontext schafft und Entwicklung hörbar macht, ist sie äußerst gelungen. Dort, wo sie Inhalte doppelt präsentiert, wirkt sie weniger zwingend. Am Ende überzeugt sie weniger als definitive Version des Albums denn als aufschlussreiche Reise zu dessen Entstehung. Genau darin liegt ihr eigentlicher Wert.