Wenn ein Gitarrist wie Paul Gilbert ein neues Konzeptalbum ankündigt, darf man sicher sein: Es wird kein gewöhnliches Werk. Der frühere Mr. Big– und Racer X-Gitarrenheld, der längst zur Legende in Sachen technischer Präzision, musikalischer Vielfalt und augenzwinkernder Kreativität geworden ist, veröffentlicht am 27. Februar über Music Theories Recordings sein neues Album „WROC“ – ein Akronym für “Washington’s Rules of Civility“.
Doch was nach einem trockenen Geschichtskurs klingt, entpuppt sich als ein witzig-tiefsinniges Statement über menschliches Verhalten, gesellschaftliches Miteinander – und natürlich: große Musik.
Ein Etikette-Leitfaden als Rock-Inspiration
Die Idee für WROC entstand aus einem historischen Dokument: George Washingtons Rules of Civility & Decent Behavior in Company and Conversation. Diese Sammlung von Benimmregeln aus dem späten 16. Jahrhundert war ursprünglich ein französischer Verhaltenskodex, den der junge Washington abschrieb und internalisierte – als Wegweiser für Haltung, Anstand und Respekt.
Gilbert, bekannt für seine stilübergreifende Neugier, fand darin die perfekte kreative Herausforderung: „Ich habe mir die Regeln angesehen, sie laut gesungen – und geschaut, welche funktionieren“, erzählt er. „Manchmal musste ich etwas umstellen oder zwei Regeln kombinieren, aber viele Songs sind tatsächlich wortwörtlich aus den Texten entstanden.“
Das Ergebnis: ein Album, das Etikette und Exzentrik miteinander versöhnt – mit einer Mischung aus humorvoller Selbstreflexion und Gitarrenkunst auf höchstem Niveau.
Regeln, Riffs und Respekt
In Songs wie „Show Not Yourself Glad (At the Misfortune of Another)” lässt Gilbert seine Gitarre mit vokaler Leichtigkeit sprechen – fast so, als ob Joe Pass, Frank Zappa und das King’s-English-Lexikon gemeinsam an einem Tisch gesessen hätten. Der Song nimmt jene Washington’sche Regel ernst – und gleichzeitig mit spitzem Humor: Schadenfreude ist erlaubt, solange man sie nicht zeigt.
Tonartlich bewegt sich der Track souverän zwischen modulierten Akkordwechseln, Slide-Gitarren-Sweeps und vielstimmigen Vokalarrangements, die beinahe chorisch wirken. Es ist ein schillerndes Spiel mit Konvention und Freiheit – ganz im Sinne des Albumthemas.
Musik für Kopf und Körper
Dass Gilbert auf WROC nicht nur musikalische Disziplin, sondern auch Emotionalität zelebriert, zeigt sich schon in Songs wie „Go Not Thither“ oder „Maintain a Sweet and Cheerful Countenance“. Beide bewegen sich zwischen polyrhythmischer Struktur und melodischer Verspieltheit, die an Jazzrock-Größen wie Jeff Beck oder Larry Carlton erinnert – nur eben mit Paul Gilberts unnachahmlichem Sinn für Timing und Skurrilität.
Der technische Anspruch? Unbestritten.
Doch wer WROC hört, spürt schnell: Hier geht es weniger um Fingerakrobatik, sondern um Tonpsychologie – um das, was in den Zwischenräumen passiert. Der Sound bleibt transparent, organisch, bewusst analog im Geist.
Gitarrenlinien werden zu Sprachmelodien, Harmonien klingen wie Argumente. Es ist ein musikalisches Gespräch über Menschlichkeit.
Vom Shredder zum Philosophen
In den 80ern galt Paul Gilbert als Shred-Gott, später als Lehrer legendär (wer bei ihm gelernt hat, kennt das präzise Lächeln hinter jeder Note). Doch WROC zeigt ihn als gereiften Klangdenker, der Form und Inhalt auf neue Weise verbindet.
Er überführt die Logik der klassischen Etikette – Maß, Rücksicht, Achtsamkeit – ins Zeitgenössische: als Statement gegen Überreiz, Zynismus und oberflächliches Virtuosentum. „Ich hatte noch nie so viel Spaß beim Songwriting“, sagt er. Und genau dieser Spaß, gepaart mit intellektueller Schärfe, macht das Album so lebendig.
Sounddesign & Produktion
Klanglich schwingt WROC zwischen Vintage-Wärme und Modern-Rock-Klarheit. Gilberts tonale Handschrift bleibt unverkennbar: satte Mitten, brillanter Anschlag, minimale Effekte. Alles wirkt kontrolliert, aber nie steril. Der Mix erlaubt seinen Vocals – ungewöhnlich präsent für einen Gitarristen – genügend Raum, während das rhythmische Fundament luftig und federnd bleibt.
Diese Balance zwischen Struktur und Spontaneität ist das, was Gilberts Musik schon immer ausgemacht hat – nur diesmal mit moralisch-philosophischem Überbau.

Tracklist – WROC
- Keep Your Feet Firm and Even
- Show Not Yourself Glad (At the Misfortune of Another)
- Maintain a Sweet and Cheerful Countenance
- Go Not Thither
- Orderly And Distinctly
- If You Soak Bread in the Sauce
- Let Thy Carriage
- Speak Not Evil of the Absent
- Turn Not Your Back (To Others)
- Conscience is the Most Certain Judge
- Every Action Done in Company
- Spark of Celestial Fire
- George Washington Rules
Musikalisch tiefgründiger Diskurs
Mit WROC bringt Paul Gilbert Etikette zum Klingen.
Was leicht als Gimmick abgetan werden könnte, entpuppt sich als musikalisch tiefgründiger Diskurs über Disziplin, Menschlichkeit und Sound-Integrität.
Virtuosität trifft auf Haltung, Moral auf Melodik, Rock-Energie auf Jazz-Sensibilität.
Ein Album, das gleichermaßen den Verstand kitzelt, das Herz wärmt und den Fuß mitwippen lässt — der vielleicht charmanteste Gitarrenexkurs unserer unzivilen Zeiten.
Album: WROC
Künstler: Paul Gilbert
Label: Music Theories Recordings
VÖ-Datum: 27. Februar 2026
Mehr Infos: paulgilbert.com
Anhören: Spotify
Videos: Go Not Thither, If You Soak Bread In The Sauce, Show Not Yourself Glad (At The Misfortune of Another)