Was für ein Trip! Motorpsycho im Gloria Köln

Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Was für ein Trip! Fast drei Stunden ließen Motorpsycho am Freitagabend im Gloria in Köln ihr Konglomerat aus Psychedelic, Progressive, Fusion, Alternative Country, Indie-Rock, Heavy Metal und weiß Gott noch für Auswüchse des Genres über ihre Fans branden. Was mal als eine Art Grunge-Metal mit Psychedelic- und Prog-Elementen begann, hat sich längst zu einem spannenden, eigenen und höchst wiedererkennbaren Stil entwickelt. Das Trio zählt zu den umtriebigsten und experimentierfreudigsten Bands der Rockszene. Ihre Konzerte sind Wundertüten: Man weiß nie, was drin ist, man kann sich aber immer drauf verlassen, dass sie nie Nieten enthalten. An jedem Abend wird ein neues Menü serviert. So auch wieder im schönen Gloria in der Kölner Innenstadt.

Von Dylan Cem Akalin

Die Band vergeudet keine Zeit. Pünktlich stehen Bent Sæther (Gesang, Bass, Gitarre,) Hans Magnus Ryan (Gitarre, Gesang) und Schlagzeuger Tomas Järmyr auf der Bühne, zwischen den Stücken wird nicht lange gequatscht, am Ende spielen sie gar eine Stunde ohne Unterbrechung durch. Verstärkt von einem Tour-Musiker, der abwechselnd das Keyboard oder die Gitarre bediente, spielen die Norweger mit suggestiven Rhythmen, reizen die Möglichkeiten von elektronischen Sounds und Effektgeräten aus, flirten mit Stilen, die geschickt verwoben werden.

Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Eine Stimme aus dem Off und die schönen Arpeggios leiten den Opener „Plan #1“ ein, doch der Einstieg in den Rockteil kommt mit solch brachialer Gewalt, dass man fast einen Windstoß zu spüren meint. Es sollte eine musikalische Voraussage sein, worauf sich das Publikum an diesem Abend einstellen sollte. Der ganze Abend war eine Achterbahn durch Emotionen, Eskalationen, die Transzendenz musikalischer Erfahrung.

Dunkel blieb die Bühne, die Musiker meistens von hinten grün, rot oder blau angestrahlt, blitzende Scheinwerfer verstärkten die Bilder, die über die Bühnenwand flimmerten. Spätestens nach einer Dreiviertelstunde bei „A Pacific Sonata“ und als die Gitarre nach dem Gesang zum Solo einsetzt, liegt der Duft von Pot in der Luft – natürlich nur eingebildet. Vielmehr lag der Rauch von Zigaretten über dem Publikum, weil etliche es nicht sein lassen konnten, ihre Kippen im Saal zu rauchen. Die Gitarre hatte diesen klaren Sound, den man auch von Pink Floyd kennt. Im Hintergrund erscheinen Sonnenblumen, die später passend zur Musik zu einem Kaleidoskop explodierender kleiner Sonnen werden. Das Ende ist fulminant: Die Spannung wird zum Bersten aufgebaut, immer wenn man meint, die Steigung der Formeln müsse jetzt mit einem Knall aufgelöst werden, nimmt sie eine neue Ebene ein. Es ist wie ein Spiel mit Zeit und Raum.

Arpeggien funkeln, Gitarren quietschen

Davor erlebten wir Momente von klassischen Rockriffs, die begleitet von Breaks und Augenblicken unerwarteter Stille, ihre Grenzen brachen („Psychotzar“), bedrohliche Drums, die unerhörte Empfindlichkeit über sanften Gesang auslösten, Wechsel zwischen jazzig-ambienten Horizontlinien und ausufernden Wellen folkrockiger Seelen. „She Left on the Sun Ship“ startete mit einer Gitarre, die leichte Country-Anklänge hatte, und entfachte eine stetig wachsende Dynamik, die einer Flugzeugdüse gleichkam, und am Ende mit äußerst schrägen Tönen abbrach.

Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Die Band kennt keine Gnade. Die lange Version von „Greener“ erlebt ein Wechselbad der Gefühle zwischen wundervollen Momenten der Entspannung, Headbanger-Riffs, unisono gespielten Intrumentalteilen und einem großartigen ruhigen Schluss, in dem der Bass die Hauptrolle spielte.

Der Abend lässt zudem jede Menge Assoziationen wachwerden an Bands der 70er Jahre. „The Transmutation of Cosmoctopus Lurker“ hat definitiv Jimi Hendrix-Verweise, es gibt Stellen, die an Can, an Man oder andere Bands der alten Psychedelic-Rock-Ära erinnern. Aber das Trio zeichnet sich dadurch aus, dass sie fantastisch aufeinander eingespielt sind, die improvisierten und ausufernden Instrumentalteile sind ohne gegensätzliches Verständnis für Ausdruck und Tempo gar nicht umzusetzen. Die Musiker sind in der Lage, praktisch beliebig mitten im Stück eine neue Geschichte innerhalb einer Geschichte zu erzählen. Arpeggien funkeln, Gitarren quietschen wie unbändige Geigen, jazzige Passagen ordnen verwirrende Gedanken, surrende, kakophonische Geräuschmassive stehen schönen Gitarrenmelodien gegenüber.

Alle fünf Teile von „N.O.X.“

Und sie haben einen Sinn für das Spiel mit Schönheiten und Brüchen. Da wechselt beispielsweise bei „The United Debased“ eine schräge wie durch eine Blechdose gespielte Melodie in ein angenehmes Bassthema und später in einen unbekümmerten Tanz. Und intelligent sind die Stücke eh. Interessant: Zum surrealistisch anmutenden „Lacuna/Sunrise“ sehen wir eine Großaufnahme eines Auges im Hintergrund. Andeutung an den „Andalusischen Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí? Nicht unwahrscheinlich.

Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Und dann spielt die Band auch noch alle fünf Teile von „N.O.X.“ aus dem Album „The All Is One“ in einer einstündigen Version. Das Stück ist nicht von dieser Welt – und für die Band eine ziemliche Herausforderung, es live zu spielen. Zu den einfallsreichen und unkonventionellen Drums von Tomas Järmyr spielt Bent Saether melodische Basslinien und fügt seinen exzellenten Gesang hinzu, während Hans Magnus Ryan atemberaubende Gitarrenparts präsentiert. Manchmal blitzt so ein Gefühl von Yes „Close to the Edge“ auf. „N.O.X.“ ist eine klangliche Entdeckungsreise mit pastoralen und nachdenklichen orchestralen Passagen, zum Teil dissonantem Gesang, dröhnenden, jazzigen Solos, pulsierende Basslinien und hypnotischer Spannung. Grimmige Gitarren geraten in unüberwindbare Strudel, entfachen stürmische Böen, die in melodische Muster gleiten. Ein intensives Erlebnis.

Zur Zugabe gibt es „The Tower“. Am Ende fühlt man eine glückselige Entkräftung ob der tausend Eindrücke. Ein traumhaftes Konzert.

Setlist Motorpsycho Köln:

Plan #1
Psychotzar
Pills, Powders + Passion Plays
She Left on the Sun Ship
A Pacific Sonata
Greener
The Transmutation of Cosmoctopus Lurker
The United Debased
Lacuna/Sunrise
N.O.X. I: Circles Around the Sun Pt.1
N.O.X. II: Ouroboros (Strange Loop)
N.O.X. III: Ascension
N.O.X. IV: Night of Pan
N.O.X. V: Circles Around the Sun Pt.2

Encore:
The Tower

Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Motorpsycho im Gloria Köln FOTO: Dylan Cem Akalin