Live in Bonn: Das Phänomen Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer: Live in der Bonner Rheinaue vor mehr als 25.000 Fans. Foto: Horst Müller

Herbert Grönemeyer begeistert am Samstag mehr als 25.000 Fans in der Bonner Rheinaue. Sein über zweistündiges Konzert ließ keine Wünsche offen.

Von Dylan Cem Akalin

Mann, kann der tanzen! Gut, sein Moonwalk ist nicht so geschmeidig wie der von Michael Jackson, und sein angedeuteter Stepptanz sieht eher aus wie der tapsige Freudentanz von Bruce Willis in der Schlussszene von „Last Boy Scout“. Und auch sein gesanglicher Ausbruch am Schluss von „Fang mich an“ geht gehörig in die Hose. Dennoch: Mehr als 25.000 Fans jubeln Herbert Grönemeyer in der Bonner Rheinaue zu. Und das zu Recht. Der 59-Jährige ist super gut drauf, und gibt fast zweieinhalb Stunden alles, was das Herz der Fans begehrt: Rockige, tanzbare Hits, jazzige Versionen altbekannter Songs, berührende Balladen, und ein beeindruckendes Bühnenbild sowie eine Top-Band runden das Konzertereignis ab.

Das Phänomen Grönemeyer

Man wird das Phänomen Grönemeyer wohl nur verstehen, wenn man ihn live erlebt. So authentisch, nahbar und geerdet sind nicht viele Musikgrößen. Man kauft Grönemeyer einfach jede Zeile seiner Songs ab, und seine selbstironischen, liebevollen Kommentare lassen ihn nur herzlicher wirken.

Herbert Grönemeyer trat am 30. Mai 2015 vor mehr als 25.000 Zuschauern in der Bonner Rheinaue auf. FOTO: Horst Müller
Herbert Grönemeyer trat am 30. Mai 2015 vor mehr als 25.000 Zuschauern in der Bonner Rheinaue auf. FOTO: Horst Müller

Graue bedrohliche Wolken ziehen über Bonn, als das Konzert um 19.45 Uhr beginnt. Die Band steht auf der Bühne, die Stimme ertönt über die Lautsprecher. Doch wo ist Herbert Grönemeyer? Es dauert ein paar Takte von „Unter Tage“, bis er dann endlich auf die Bühne springt. Von blauen Lichtwürfeln regnen weiße Strahlen herab. „Unsere Sonnen werden steigen, werden miteinander durchgehen“, singt Grönemeyer beschwörend. Doch die Wolken kommen immer näher. Und auch „Wunderbare Leere“ passt textlich zum Wetter („Tanz mit der Naturgewalt“). Grönemeyer strahlt, und kündigt im Singen „die wunderbarste Zeile des Abends“ an: „Die Brücke ist breiter als der Fluss.“ Und Jakob Hansonis spielt ein wunderbares Solo auf seiner Les Paul.

„Sie lügt so leise vor sich hin.“

Und was wäre ein Grönemeyer-Konzert ohne ein paar politische Statements. Natürlich geht es gegen Merkel („Sie lügt so leise vor sich hin.“), bevor er „Unser Land“ am Piano anstimmt. Und es zeugt schon von einem glücklichen Zufall für die Dramaturgie, dass dann plötzlich die dunklen Wolken aufreißen und die Sonne wie ein mächtiger Spot auf die Rheinaue scheint, als Grönemeyer singt: „Wir sind nicht verdammt hier zu sein/Dies ist unser Land, deins und meins…“

„Habt Ihr schon gepostet, dass Ihr hier seid?“ ruft er lachend von der Bühne. Der Mann vor mir hat wohl noch nicht gepostet, dafür ist er viel zu sehr damit beschäftigt, alles zu filmen. Grönemeyers Bitte kürzlich bei der Echo Preisverleihung, die Zuschauer mögen doch bei den ersten Liedern Bilder und Videos machen und sich dann aufs Konzert konzentrieren, haben viele wohl kaum beherzigt. Da kommt so ein Song wie „Uniform“ besonders gut:

„Verteidige deine Grenzen
du bist das was keiner sieht
jeder Mensch braucht zum Überleben
sein intimes Sperrgebiet“

Toll arrangiert, schon fast progressive-rockig mit einer jazzigen Hammondorgel. Der Song gehörte zu den Highlights. Und von denen gab es viele. VfL-Schals gehen hoch bei „Bochum“, bei „Männer“ bleibt auch auf der Tribüne keiner mehr sitzen. Bassist Norbert Hamm und die Gitarristen Jakob Hansonis und Stephan Zobeley stehen jetzt auf dem langen Steg, der von der Bühne bis weit ins Publikum hineinragt. Chorgesang aus tausenden Kehlen. Grönemeyer strahlt.

„Die Welt zerfällt in Religionen“

Bei „Schiffsverkehr“ hämmert Percussionist Mark Essien vom Bühnenrand stampfende Trommelrhythmen, Hansonis spielt ein paar fast an U2s The Edge erinnernde Gitarrenlinien. „Die Welt zerfällt in Religionen“, meint Grönemeyer bei der Ansage zu „Ein Stück vom Himmel“.

Gut, manchmal versteht man ihn einfach nicht. Was singt er da grade? Was heißt das? Dortmund? Woman? Nein, er singt vom Vollmond, presst das Wort heraus. „Ich bin so allein.“ Er zieht eine Grimasse, verknautscht sein Gesicht.

Dann holt der Meister der Spannung etwas Tempo raus. Ein E-Piano wird auf den Steg gehoben. Da sitzt er in seinen schwarzen Klamotten und den bis in die letzte Reihe leuchtenden weißen Turnschuhen praktisch mitten unter seinen Fans. „Neuer Tag“: ein Lied mit Tiefgang, mit klugen Wortspielen („Kein Wort beschreibt die sehnende Sucht“). Ihm folgt eine jazzige Version von „Flugzeuge in meinem Bauch“ mit einem flamencoangehauchten Akustikgitarrensolo. Der Song, sagt er belustigt, habe sich erfolgreich einen Kündigungsschutz erstritten, habe sich aber ein neues Kleid verpasst.

Songs über das Flüchtlingselend

Trotz seiner ironischen Bemerkungen bleibt es intim. Als er „Der Weg“ anstimmt, ist es ganz ruhig auf dem Platz, und die Frau mit der braunen Hochfrisur ein Stück neben mir, drückt sich enger an ihren Mann…

Keine Frage. Herbert Grönemeyer ist ein Musiker, der die Klaviatur der großen Gefühle zu bedienen weiß, der ganz nah an seinen Fans ist. Egal ob er Songs über das Flüchtlingselend schreibt („Roter Mond“), beschwingte Stücke wie „Fisch im Netz“, seinen Hit „Mensch“ oder „Kinder an die Macht“ aufführt, er bringt sie mit einer selbstverständlichen Überzeugung, ohne Attitüde, ohne Kunstlack auf der Oberfläche. Herbert Grönemeyer ist so etwas wie der deutsche John Mellencamp. Ein Musiker, der schon fast zum deutschen Kulturgut gehört, eine beständige Größe in der Musikszene. Irgendwie immer da und nicht mehr wegzudenken – eine deutsche Ikone.

Setlist:

  1. Unter Tage
  2. Wunderbare Leere
  3. Fang mich an
  4. Unser Land
  5. Uniform
  6. Bochum
  7. Schiffsverkehr
  8. Stück vom Himmel
  9. Männer
  10. Was soll das
  11. Vollmond
  12. Neuer Tag
  13. Flugzeuge im Bauch
  14. Der Weg
  15. Roter Mond
  16. Fisch im Netz
  17. Musik nur, wenn sie laut ist
  18. Mensch
  19. Bleibt alles anders
  20. Alkohol

Encore:

  1. Morgen
  2. Kinder an die Macht
  3. Zeit, dass sich was dreht

Encore 2:

  1. Land unter
  2. Demo (Letzter Tag)
  3. Mambo

Encore 3:

  1. Halt mich
  2. Feuerlicht
  3. Fang mich an (Hoopieshnoopie Remix)

Tour:

03.06.15 20.00 Uhr Bocholt – Stadion am Hünting

04.06.15 20.00 Uhr Freiburg – Messe Open Air > ZUSATZSHOW

06.06.15 20.00 Uhr Braunschweig – Eintracht Stadion

07.06.15 20.00 Uhr Hofgeismar – Hessentag > ZUSATZSHOW

09.06.15 20.00 Uhr Rostock – IGA Park

10.06.15 20.00 Uhr Heide – Marktplatz

12.06.15 19.30 Uhr Berlin – Waldbühne >>> AUSVERKAUFT

13.06.15 20.00 Uhr Leipzig – Red Bull Arena >>> AUSVERKAUFT

15.06.15 20.00 Uhr Klam – Burg Clam > ZUSATZSHOW >>> AUSVERKAUFT

16.06.15 20.00 Uhr Wien – Stadthalle >>> AUSVERKAUFT

19.06.15 20.00 Uhr Bochum – REWIRPOWER Stadion „30 Jahre Bochum Jubiläumskonzert“ >>> AUSVERKAUFT

20.06.15 20.00 Uhr Bochum – REWIRPOWER Stadion „30 Jahre Bochum Jubiläumskonzert“ >>> AUSVERKAUFT

21.06.15 19.30 Uhr Berlin – Waldbühne > ZUSATZSHOW

23.06.15 20.00 Uhr Amsterdam – Heineken Music Hall