Ein paar Gedanken zum Jazzfest Bonn, zum Beethovenfest und zur Kulturförderung

Jazzkantine (c) JFB/Lutz Voigtländer

Das Jazzfest Bonn ist jetzt eine Woche vorbei. Ein paar Gedanken über die Atmosphäre, die Ausgestaltung und die Zukunft. Und was hat es eigentlich mit dem Beethovenfest gemein?

Von Dylan Cem Akalin

Die vorderen Reihen sind wenige Minuten vor Konzertbeginn noch leer, die Gäste des Sponsors genießen noch ein Gläschen Sekt und etwas Fingerfood, bevor sie sich der anspruchsvollen Musik der Berliner Pianistin Julia Kadel hingeben. Der Applaus nach dem ersten Stück ist mehr als nur höflich. Die meisten in dem hellen Atrium der Volksbank merken, dass sie hier Zeugen eines ganz besonderen Konzertes sind. Die Rechnung von Peter Materna ist wieder einmal aufgegangen. Der umtriebige Saxofonist und Macher des Jazzfest Bonn will den Jazz auch Leuten näherbringen, die ihren Abend mutmaßlich nicht mit experimentellen Auswüchsen der improvisierten Musik verbringen würden. Der Grundgedanke seines Konzepts: Die Gäste mit Doppelkonzerten locken – mit einem Namen, der zieht, der Popularität, vielleicht sogar Glamour ausstrahlt, und dem mehr oder weniger unbekannte Künstler/Bands gegenüberstellen.

Das funktioniert nicht immer. Als vor zwei Jahren der hinreißenden Soul-, Gospel, Jazzsängerin Lizz Wright das schon fast irrwitzige Stefan Schultzes Large Ensemble folgt, verlässt mehr als zwei Drittel des Publikums den Saal. Schön, damit muss man leben.

Unterstützung durch Sponsoren

Leben müssen Fans auch damit, dass das Festival ohne die finanzstarke Unterstützung durch Sponsoren nicht dieses hohe Niveau haben könnte: Materna holt neben Orchideen des deutschen Jazz eben auch die Stars der Szene: Wayne Shorter war in Bonn, Brad Mehldau, Dianne Reeves, der sensationelle Greg Osby, Pat Martino, Ron Carter, Rolf und Joachim Kühn und viele andere. Ohne Materna bliebe Bonn weitgehend eine Wüste in Sachen Jazz.

Seit Materna das Jazzfest zum 2010 zum ersten veranstaltete, hat sich viel getan. Die Zuschauerzahlen und das Angebot wachsen von Jahr zu Jahr. Andere klassische Jazzfestivals wie das älteste in Frankfurt, das renommierte in Berlin schrumpfen, Bonn erregt immer mehr überregionale Aufmerksamkeit. Und das ist gut so.

Es ist zweifelsfrei, dass ein Künstler wie Brad Mehldau in ein Haus wie die Oper gehört, und Materna tat gut damit, von seinem Grundsatz der Doppelkonzerte abzuweichen und Mehldau den ganzen Abend bestreiten zu lassen. Das darf er im Übrigen öfters tun.

Die wunderbare Bundeskunsthalle

Viele Räume, die Materna zur Verfügung stehen, bieten sich geradezu an. Materna ist vielleicht der einzige Veranstalter in Bonn, der dieses breite Angebot an Sälen zu nutzen weiß: die Säle im Landesmuseum und dem Haus der Geschichte und insbesondere der in der Bundeskunsthalle, vielleicht einer der besten Konzertsäle in Bonn, bieten sich für solche Ereignisse geradezu an. Man mag von Nils Petter Molvær halten, was man will: Aber für seinen Soloauftritt vor einem Jahr war dieser Saal geradezu prädestiniert. Und was war das für ein bedeutendes Konzert am vergangenen Samstagabend, mit dem der Komponist und Saxofonist Marius Neset das Jazzfest 2017 beendete? Der Mann, der zu den Erneuerer des aktuellen Jazz gehört, bewegt sich mit seinem Spiel im Prinzip ständig auf einem Drahtseil, er wagt alles, kostet alle Freiheiten mit einer Wildheit aus, die Sehnsüchte entfachtet. Und dazu hat der gerademal 32-jährige Norweger die polyglotte Kultur des Jazz so verinnerlicht, dass er damit umgeht, wie einer, der ein Dutzend Sprachen flüssig spricht. Ja, solch eine Musik muss gefeiert werden, solch eine Musik braucht Raum, um sich zu entfalten.

Experimentelles in der Brotfabrik zu präsentieren hat auch durchaus seinen Reiz, so wie die Lounge im Post Tower natürlich einen gewissen exklusiven Glanz ausstrahlt.

Das Jazzfest bekommt 25.000 Euro, das Beethovenfest 2 Millionen

Dennoch: Der Festgedanke muss in Zukunft deutlicher zelebriert werden. Das Festival gerät in ähnliches Fahrwasser wie das Beethovenfest vor einigen Jahren. Es spielt sich mehr oder weniger im abgeschlossenen Raum ab. Intendantin Nike Wagner tritt dem schon dankenswerter Weise entgegen, öffnet das Fest der Klassik für andere Genres – und geht gar in Musikclubs. Vor drei Jahren trat Marialy Pacheco (Piano) mit Joo Kraus (Trumpet) in der Endenicher Harmonie auf, im vergangenen Jahr spielten Younee und Manu Katché.

Der Jazz muss ein wenig weg von der aufpolierten Hochglanzperformance. Wobei die Grundidee durchaus feinsinnig ist, ihn an Orten stattfinden zu lassen, wo sonst völlig andere Dinge passieren. Warum nicht in einer Bank auftreten? „Mein Wunsch war es, ein Festival zu initiieren, das dem Jazz eine professionelle Bühne im Herzen der Stadt gibt. Jazz hatte in all den Jahren zuvor immer nur in Clubs stattgefunden. Dabei ist Jazz eine Musik, die in ihrer musikalischen Vielfalt einzigartig ist und daher im Grunde jeden Musikinteressierten anspricht“, schreibt Materna in seinem Programmmagazin. „Nur in Clubs“? Nein, genau dort fehlt der Jazz während dieses wunderbaren Festivals, er fehlt auf der Straße, in der U-Bahn. Warum verbindet Materna sein Festival nicht etwa mit dem nicht weniger genialen Idee der Bonner Stadtwerke einmal im Jahr Bands in U-Bahnhöfen auftreten zu lassen. Bei diesem „JazzTube“ war übrigens mal die sagenhaft gute Sängerin Laura Totenhagen zu hören, die in diesem Jahr ebenfalls Gast des Jazzfest war.

Beim einem Jazzfest müssen Bands durch die Straßen ziehen, wie man es aus Rotterdam, Chicago oder New Orleans kennt, müssen Musiker in Kneipen und Clubs auftreten, wo man dann mit ihnen hinterher an der Theke steht, wie es im Kölner Stadtgarten üblich ist. Und, wenn Bands wie die Jazzkantine, ins Telekomforum ziehen, Musikerinnen wie China Moses vor Temperament auf der Bühne fast platzen, dann darf es keine Bestuhlung geben.

Rockaue, Crossroads, Kunst!Rasen

Wenn das alles kommt, muss man sich über das Jazzfest keine Sorgen machen – und übrigens auch nicht über weitere öffentliche Gelder. Die Voraussetzung ist aber, dass es sich weiter für die Bonner öffnet. Materna, der als institutionelle Förderung 25.000 Euro von der Stadt Bonn bekommt, will mehr Zuschüsse haben. Hinzu kommt noch ein stattlicher Betrag für die Nutzung von Werbemitteln der Stadt. Und mehr zu verlangen, ist sein gutes Recht – aber dann muss er sein Konzept weiter öffnen.

Das Beethovenfest im Übrigen auch. Immerhin bekommt es  1,6 Millionen Euro, dieses Jahr sogar zwei Millionen Euro, weil es ja, so die Begründung, wegen des Ausweichens ins WCCB – die Beethovenhalle wird ja saniert – einen höheren technischen  Aufwand habe. Dann gibt es noch Geld vom Land Nordrhein-Westfalen und vom Auswärtige Amt. Die Veranstalter müssen sich dringend überlegen, wie solche Feste so durchgeführt werden, dass ein größerer Teil der Bevölkerung daran partizipiert.

Zu bedenken ist, dass es eine ganze Reihe anderer Veranstaltungen gibt, die ohne jegliche öffentliche Unterstützung auskommen müssen. Die Rockaue  bekommt kein Geld (General-Anzeiger). Dieses Jahr gibt’s eine kleine Unterstützung für die Newcomer-Bühne. Das Crossroads Festival in der Harmonie kommt ebenso ohne Förderung aus wie der Kunst!Rasen. Die Entscheidungsträger dieser Stadt müssen sich überlegen, wie sie diese Kultur mittel- und langfristig in der Stadt erhalten wollen. Das gilt auch fürs Jazzfest. In Köln richtet man sich immer mehr darauf ein, Jazzstadt Deutschlands zu werden. Doch dazu später mehr.