Wayne Shorter: Alles muss möglich sein

Das Wayne Shorter Quartett im Telekom-Forum. FOTO: JAZZFEST BONN

Das Bassintro erinnert zunächst an das Thema von „A Love Supreme“, aber nur für einen Hauch eines Augenblicks, dann steigt das Piano mit Blockakkorden ein, das Schlagzeug nimmt den Rhythmus auf. Wayne Shorter zögert, bevor er auf dem Tenorsaxofon sparsame Linien spielt. Das Quartet startet ihr Set am Sonntag, dem letzten Jazzfestabend, im Telekomforum mit „Zero Gravity“. So nennen Shorter, Brian Blade (Drums), John Patitucci (Bass) und Danilo Pérez (Piano) ihre Methode: Im Kosmos des 80-Jährigen Saxofonisten herrschen völlig andere Gesetze. Alles ist möglich, alles muss möglich sein, die Richtung ist unvorhersehbar. Auch wenn vor ihnen die Noten liegen, gespielt wird, was sich dahinter verbirgt. Und so erkennt man „Zero Gravity“ vor allem an seinen Spannungsbögen, an seiner dramatischen Steigerung, für die insbesondere Blade mit seinem vulkanischen Spiel verantwortlich ist. Kaum zu glauben, dass er in der Jazzszene als der „zärtlichste“ Drummer gilt. Doch so wie der Rest dieser Truppe, ist er so vielseitig wie das Leben eben selbst. Und so bleibt auch von „Witch Hunt“ wenig mehr als die bekannten Quarten des Pianos und die Blueshaften Basslinien, und diese auch nur in ihren baulichen Umrissen. Shorter treibt seine Mitspieler an, sich völlig frei zu machen, alles zu riskieren, sich verletzbar zu machen und gerade dadurch in neue Dimensionen einzudringen. Auf die Frage, ob es stimme, dass das Quartett niemals probe, antwortete Shorter einmal: „Wie soll man einen magischen Moment einstudieren?“ Patitucci gestand einmal, mit Shorter aufzutreten sei es, „als würdest du ständig am Rande des Abgrunds gehen“.

Shorter
Wayne Shorter in ausgezeichneter Spiellaune. FOTO: JAZZFEST BONN.

Und da es in diesem Quartett keine Phrasen, keinen Smalltalk gibt, gibt es auch nicht die übliche Songstruktur. Jeder ist gleichberechtigt. Wie die Band spielt und kommuniziert, erinnert an die Ringe eines Magiers, der sie vor den Augen des erstaunten Publikums immer ineinandersteckt und auseinandernimmt. In diesem Kosmos herrscht das Gesetz der Shorterschen Gravitation. Und Shorter ist mehr als das Zentrum dieses Universums, das die drei anderen wie Planeten umkreisen. „Orbits“ klingt auf dem aktuellen Album „Without a Net“ schon völlig anders als im Original („Alegria“). Oder „She Moved Through The Fair“. Das Thema wird von Bass und Piano zerhackt, bis nur noch Moleküle übrigbleiben und es völlig neue Freiheiten gibt. Mal setzt Shorter auf dem Sopransaxofon wie beläufig hingeworfene Ausrufezeichen, dann spielt er traumhafte Sequenzen, um diese im nächsten Augenblick mit wilden Ausbrüchen aufzubrechen. Das Publikum wird Zeuge von inneren Offenbarungen, denn in Shorters musikalischem Weltbild macht genau das den Jazz aus, eine Musik voller Wagnisse und Ehrfurcht vor der persönlich geschaffenen Klangskulptur.

Die Band ist glänzend aufgelegt, Shorter bester Laune. Der sonst stets so ernst wirkende Musiker lacht, pfeift zwischendurch, scheint hochzufrieden mit seinen Jungs. Kann er auch, Petitucci und Blade treiben sich derart an, das sich immer wieder die Bassdrum selbstständig macht, Pérez zeigt sich von einer immensen Vielseitigkeit, und Shorter? Die Eloquenz, die Kraft und das schier unendliche Potenzial, was von seinem Spiel ausgeht, ist erstaunlich. So gut aufgelegt, wagen sie sich auch an die ganz frischen Kompositionen Lotus und als Zugabe das von Beethovens Ballett inspirierte „Prometheus Unbound“ heraus. Umwerfend! Shorter mag biologisch die 80 Jahre überschritten haben, in seinem Herzen aber ist er immer noch der junge Draufgänger, der schon seine Weggefährten Art Blakey, Miles Davis und Joe Zawinul faszinierte. Für die vielen magischen Momente des Abends gab es vom Publikum frenetischen Applaus.

Zuvor präsentierte „Electronic Beats meets Jazzfest Bonn“ noch den Matthew Herbert mit einer gut aufgelegte Big Band und Sängerin Alice Grant, die sich von viel elektronischem Ächz, Krächz, Knirsch und Stampf des Elektroniksoundtüfftlers nicht aus der Ruhe brachten: nicht viel mehr als Cartoonland meets Jazz, aber ganz amüsant.

(Cem Akalin) Lesen Sie auch: Wayne Shorter in der Philharmonie Köln

1. Juni 2014, Telekomforum Bonn

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.





*