John Mayall in der Kantine Köln: Beeindruckendes Konzert des 85-Jährigen

John Mayall in der Kantine Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Mr. Mayall, we are really impressed! Fast zwei Stunden lang steht der 85-jährige John Mayall in der Kantine Köln auf der Bühne, ohne sich auch nur einmal auf den Barhocker neben sich hinzusetzen, und gibt mit seiner Band am Samstagabend ein fantastisches Konzert.

Von Mike H. Claan

Richtig gut gelaunt ist der Mann in seinem schwarz-weißen Hemd mit dem Cannabis-Aufdruck. Immer wieder dreht er sich zu seinen Mitmusikern oder zum Tontechniker und streckt den Daumen hoch. John Mayall ist zufrieden. Kann er auch sein. Die Bude ist ausverkauft und obwohl die Alte-Männer-Fraktion wohl überwiegt, sind auffallend viele junge Leute im Publikum – darunter zahlreiche Frauen. Der Blues erlebt zurzeit eine Renaissance. Und einer wie John Mayall hat den Erfolg mehr als verdient.

Mayalls neue Gitarristin ist Carolyn Wonderland

Als Eröffnungsstück wählt Mayall das leicht jazzige, shuffelnde „Don’t Deny Me“, das einzige Stück an diesem Abend, das er auf der Hammond begleitet. Seine neue Gitarristin Carolyn Wonderland aus Austin, Texas, spielt ihr erstes Texasblues-orientierte Solo. Noch alles zurückhaltend.

Carolyn Wonderland FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Das ändert sich ab dem nächsten Stück: Das seinem Freund Bob „The Bear“ Hite, Sänger von Canned Heat, gewidmete Stück vom Album „Blues From Laurel Canyon“ beginnt mit einem Boogie-Piano-Intro. Mayalls Piano ist so dynamisch und kraftvoll wie vor 50 Jahren. Und dann steigt Carolyn Wonderland auf ihrer Semi Hollow Les Paul (Ich schätze, es ist eine Gibson Blueshawk), die die weinrote Farbe ihrer Haare hat, ein. Sie ist keine Mick Taylor, der damals den Gitarrenpart hatte, aber diese Frau hat eine Killer-Power!

Ungewöhnliche Kraft

Sie hat einen sagenhaften Anschlag. Aufgrund ihres Fingerpicking-Stils erschafft sie mehrere Soundebenen, je nachdem, ob sie die Saiten mit dem Nagel, der Fingerseite und die Fingerspitzen nutzt, und oft kombiniert sie diese. Ihre Spielweise erinnert an eine Kombination aus Billy Gibbons, Willie Nelson, Albert Collins, Stevie Ray Vaughan und Eddie Shaver, also Country-marmoriertem Bluesrock. Der Sound ist meistens schreiend-klar, ich meine, richtig Distortion hatte sie nur bei „Demons In The Night“.

Und singen kann die Frau, dass einem die Haut vom Körper abfällt. Sie wird zwar oft mit Janis Joplin verglichen. Das trifft es aber nur, was die Kraft ihrer Stimmbänder betrifft. Ihre Stimme ist von ungewöhnlicher Kraft, Dynamik und Reichweite. Und die präsentiert sie uns mit zwei Songs: „You Don’t Love Me No More“ erinnert von der Gitarre etwas an Zappas „Trouble Every Day“. Ihr Gesang ist weniger Klage, als eher indianische Kampfansage. Die Saiten knallen im Intro, die Stimme setzt dermaßen überraschend stark ein, dass das Publikum spontan applaudiert.

„Walkin On Sunset“

Beim zweiten Song, den sie singt, „Miss Understood“ (vom gleichnamigen Album, 2008) begleitet sie sich auf der Lap-steel – ein fulminanter Auftritt.

Zu seiner Stummelgitarre greift John Mayall selten an diesem Abend. Zum ersten Mal bei „Walkin On Sunset“, das im Original sicherlich stärker Canned Heat-mäßig ist als die Performance. Und Mayalls Gitarreneinsatz beschränkt sich weitgehend auf Akkordarbeit, den Solopart überlässt er seiner neuen „Wunderfrau“. Übrigens: Der Bass von Greg Rzab dreht hier mächtig auf! Bei „Somebody Acting Like A Child“ spielt er ein überaus jazziges Solo. Super!

Greg Rzab FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Jazzig sind auch die nach Vibraphon klingenden Keyboards bei „A Special Life“. Hier spielt JM eine unglaublich eindringliche, melodiöse und leicht melancholische Mundharmonika. Überhaupt: Wenn JM zur Harp greift, dann ist das jedes Mal ein Hochgenuss. Zu diesem Stück steuert Wonderland eine Gitarre mit starkem Countryfeeling bei.

„Demons In The Night“

Ich finde, John Mayall hatte schon als junger Mann eine Stimme, die eher reif klang als jugendlich. „Demons In The Night“ indes singt er an diesem Abend mit geradezu jugendlichem Elan. Die Gitarre klingt bisweilen wie ein Sax, das Stück endet in einer sphärischen Ebbe.

Jay Davenport FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski

Eines der Highlights für mich: die Jimmie Lee Robinson-Nummer „All My Life“. Bei diesem Stück stimmt einfach alles. Es ist ein Blues mit Knalleffekt. Greg Rzab und Schlagzeuger Jay Davenport spielen mit solch effektiver Kraft, der Gesang ist ein Vergnügen, und Wonderland spielt  eine Gitarre, bei der sie jeden Ton aus den Saiten zu schneiden scheint. Wirklich Wahnsinn!

„Mail Order Mystics“

Und als man denkt, da kann eigentlich nichts mehr kommen, spielt die Band eine überlange Version von „Mail Order Mystics“. Der Bass rollt an wie ferner Donner, die Hi-Hat zischt wie eine Lok, und Mayall spielt zu seinen Pianoakkorden eine Wahnsinns-Harp zum Intro. Soli kommen von Rzab (mit dem Bottleneck auf dem Bass!) und von Jay Davenport, dass man fürchtet, die Felle seiner Drums platzen gleich. Und dann lassen sie das Stück mit dem Deep-Purple-Thema von „Smoke On The Water“ enden. Genial!

Setlist John Mayall Kantine Köln 9.3.2019:

Don’t Deny Me
The Bear
Walking On Sunset
You Don’t Love Me No More (Carolyn Wonderland)
Somebody Acting Like A Child
A Special Life
Miss Understood (Carolyn Wonderland)
Demons In The Night
Voodoo Music (J.B.Lenoir Cover)
All My Life (Jimmie Lee Robinson Cover)
Mail Order Mystics

Encore: Oh Pretty Woman

John Mayall in der Kantine Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Carolyn Wonderland FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
John Mayall in der Kantine Köln FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski
Carolyn Wonderland FOTO: Peter „Beppo“ Szymanski