Nobbis Plattentipps: Carmen „Fandangos In Space“ (1973)

Nobbis Plattentipp ist diesmal Carmens „Fandangos In Space“ FOTO: Peter "Beppo" Szymanski

Nobbis Plattentipps: Carmen „Fandangos In Space“ (1973)

Nobbi Schumacher stellt auf J&R regelmäßig besondere Platten vor oder solche, die er Plattenfans mal wieder in Erinnerung rufen möchte. Nobbi betreibt seit 22 Jahren einen Plattenladen in der Marienstraße 21, 53225 Bonn. Der leidenschaftliche Sammler ist dafür bekannt, Vinylfreaks fast jedes Schätzchen besorgen zu können. Der Laden ist jedenfalls eine echte Fundgrube für Plattenfreunde mit kleinem und großem Portemonnaie. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 10 bis 19 Uhr, samstags: 10 bis 18 Uhr. Telefon: 0228/466595.

Kurioses aus der Vinylsammlung

Also diese Platte gehört eindeutig in die Kategorie „Kurioses aus der Vinylsammlung“. Das Album klingt, als hätten Mitglieder der Mothers of Invention, von System Of A Down sich mit Flamenco-Virtuosen und alten Progrockern zusammengetan. Und die Konzerte der britisch-amerikanischen Band, die gerademal von 1970 bis 1975 aktiv war, müssen nicht minder furios gewesen sein, weil sich Sänger Roberto Amaral und Keyboarderin Angela Allen (Schwester von Gitarrist David Clark Allen) auf einem speziell verstärkten Bühnenboden Tanzduelle lieferten, sodass ihr Zapateado zu einer wesentlichen perkussiven Ergänzung ihrer Musik wurde. Zu den spanischen Einflüsse gehörten akustische Gitarren im Flamenco-Stil, gelegentlich sogar spanische Texte über Liebe und Betrug, die an Federico García Lorca erinnern, und Kastagnetten, die von einer rockigen Rhythmus-Gruppe unterstützt wurden.

Von David Clark Allen zu David Randall-Goddard

Die Gruppe wurde von David Clark Allen in Los Angeles gegründet, einem virtuosen Gitarristen aus Kalifornien mit mexikanischen Wurzeln. Zunächst bestand die Band aus sieben Mitgliedern, nachdem sie 1973 nach London zog festigte sich der Kern der Band dann als Quintett. Allen, soviel will ich mal vorwegnehmen, änderte später nach der erfolgreichen Bekämpfung einer Krebserkrankung seinen Namen und konzentrierte sich auf erotische Kunstfotografie und als Sexualanthropologe (was immer das ist). Seit 1996 lebt er als David Randall-Goddard als Familienfotograf in London.

David Bowie, Marc Bolan und Jethro Tull

Im ausgeflippten London jener Zeit fanden sie Musiker aus den USA schnell Anschluss, freundeten sich unter anderem mit Bryan Ferry, David Bowie, der sie mit in seine Show nahm, und Marc Bolan, für den Allen mal spielte und Paul Fenton sein Studio- und Tour-Drummer wurde. Auch das wunderbare Bassspiel von John Glascock sprach sich in der Szene ebenfalls schnell herum. Für Richie Blackmore war er der Beste in der Szene, und Ian Anderson überzeugte er dermaßen, dass er ihn zu Jethro Tull holte, wo er bis zu seinem Tod 1979 bleiben sollte.

Mit dem Produzenten Tony Visconti veröffentlichte Carmen drei Alben: Fandangos in Space (1973), Dancing on Cold Wind (1974) und The Gypsies (1975). Zu Beginn des Jahres 1975 hatte die Band ihren größten Erfolg. Sie spielte als Support für Santana, Blue Öyster Cult und Electric Light Orchestra und tourte drei Monate als Auftakt für Jethro Tull.

Emotionale Tiefe

Doch die Band fasste insgesamt nicht richtig Fuß. Paul Fenton verletzte sich schwer am Knie und beendete seine Karriere als Schlagzeuger. Die Band trennte sich zunächst von Tony Visconti und löste sich kurz nach dem letzten Album 1975 auf.

Die Flamenco- und Gypsy-Elemente bestimmen teilweise auch die relativ klischeebehafteten Texte über Stierkämpfe und Liebe und Betrug (eben wie in der Oper von Georges Bizet). Das dennoch überwiegende Progressive-Rock-Vokabular wird durchflochten von Klatschen, Kastagnetten und Flamenco-Fußarbeit. Das dreiteilige „Bulerias“ ist eine rasende Achterbahn aus scharfem rhythmischem Progrock und Flamenco. Herauszustellen ist John Glascocks Bassarbeit, das einfach faszinierend ist. Roberto Amaral setzt seinen typischen Falsettgesang im ungestümen “ Bullfight“ gut ein, während David Allen mit seiner Gitarre der Ballade „Lonely House“ eine erlesene emotionale Tiefe verleiht. Die zweite Hälfte des Albums ist thematisch und musikalisch weniger harmonisch, auch wenn „Looking Outside (My Window)“ der Flamencotanz noch als Zwischenspiel vorkommt. Das Album ist für Prog-Rock-Fans sicherlich ein Muss, denn es stellt in der Geschichte dieses Genres ein echtes Alleinstellungsmerkmal dar.