Nobbis Plattentipps: Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity „Streetnoise“ (1969)

Nobbis Plattentipp: : Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity „Streetnoise“. FOTO: Dylan Cem Akalin

Nobbis Plattentipps: Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity „Streetnoise“ (1969)

Nobbi Schumacher stellt auf J&R regelmäßig besondere Platten vor oder solche, die er Plattenfans mal wieder in Erinnerung rufen möchte. Nobbi betreibt seit 22 Jahren einen Plattenladen in der Marienstraße 21, 53225 Bonn. Der leidenschaftliche Sammler ist dafür bekannt, Vinylfreaks fast jedes Schätzchen besorgen zu können. Der Laden ist jedenfalls eine echte Fundgrube für Plattenfreunde mit kleinem und großem Portemonnaie. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag: 10 bis 19 Uhr, samstags: 10 bis 18 Uhr. Telefon: 0228/466595.

Von besonderer Aktualität ist der Song „Czechoslovakia“, den Julie Driscoll unter dem Eindruck des Prager Frühlings geschrieben und 1969 auf „Streetnoise“ veröffentlicht hat – ein Album von beeindruckender Qualität. Musikalisch, gesanglich, intrumentell.

„…but many people have died, feeling hung up inside, but don’t think they’re phony
cuz they’re only trying to stop you from dying, locked behind your own bars
maybe, you’ll see, how good it would be, to feel free…“

„Streetnoise“ erschien 1969 als Album von Julie Driscoll, Brian Auger & The Trinity. Die Doppel-LP vereint Experimentelles mit Blues-Rock, Gospel, Soul, Jazz und Rhythm and Blues. Die Musik ist natürlich hippie – ausgeflippt. Die Cover-Versionen von The Doors „Light My Fire“, Nina Simones „Take Me To The Water“, Laura Nyros „Save the Country“, Miles Davis „All Blues“, Richie Havens „Indian Rope Man“ und „Let The Sunshine In“ und „I Got Life“ aus dem Musical Hair passen in den Zeitgeist. Ihre Interpretationen indes sind höchst eigenwillig.

Unglaublich kräftige Präsenz

Driscoll hat eine unglaublich kräftige Präsenz. Man fragt sich, warum diese fantastische Sängerin nicht viel, viel, viel berühmter geworden ist. Trotz des Potenzials und trotz geradezu überschwänglicher Kritiken trennten sich Driscoll, Auger und Trinity innerhalb von wenigen Monaten nach Erscheinen des Albums. Driscoll heiratete später den Jazzmusiker Keith Tippett und trat unter dem Namen Julie Tippetts auf, wobei sie mit Robert Wyatt und Robert Fripp zusammenarbeitete. Auger bildete eine andere Band namens Oblivion Express. Auger und Tippetts wurden schließlich 1978 für ein einmaliges Album wiedervereinigt.

Driscoll deckt auf diesem Album die breite Palette an musikalischen Einflüssen scheinbar mühelos ab. Mit ihrem sehr emotionalen und unverwechselbaren, glasklaren bis bluesig-rauen Gesang und mit Augers intensiver Hammond-Orgel, ist das Album ein echtes Schätzchen. Schon allein wegen dem irren Cover von „Light My Fire“! Driscoll, die auch Teil von Augers früherer 60er-Supergruppe The Steampacket war, hat einen höchst individuellen Stil und bewies damals, dass sie wohl die einzige britische, weiße Sängerin war, die die Fähigkeit besaß, Soul und Blues zu singen, wie er eben auch klingen muss. Höchst authentisch!

„Ellis Island“ ist ein zeitloses Fusioninstrumental mit der dominanten und virtuosen Hammond-Orgel von Brian Auger. Dieses Stück wie auch „Finally Found You Out“ und „Looking In Eye Of The World“ sind geradezu Paradestücke für das Auger’sche Konzept. Er hat Jazz, Rhythm & Blues, Folk, Gospel und Pop mit großer Selbstverständlichkeit verwoben und mag die weniger Aufgeschlossenen seiner Zeit verwirrt haben. Augers erklärtes Ziel war es immer, Soul und Funk-Rhythmen mit Jazz-Harmonien und Soli zu überlagern, und die Aufnahmen auf diesem Album erfüllen genau diesen sehr individuellen Ansatz.

Vielfalt an Einflüssen

Der Ansatz, der in der Veröffentlichung von Streetnoise zum Ausdruck kommt, wird von vielen Kritikern als erste Fusion-Aufnahme bezeichnet. Eine beeindruckende Vielfalt an Einflüssen führt hier in der Tat zu einer musikalischen Klanglandschaft, die von sehr funky Organ-Freak-Outs, einem hippen Cover von „Flesh Failures“ (vom Musical Hair) bis zum atemberaubenden Jazz-Rock von „Ellis Island“ reicht –  und gipfelt in dem eindringlichen Höhepunkt von Driscolls vokaler Version von Miles Davis‘ „All Blues“, eine seltsame und eindringliche Interpretation, die zweifellos viele begeistern wird, wenn sie sie das erste Mal hören.