Nobbis Plattentipps: Nicky Hopkins „Tin Man Was a Dreamer“ (1973)

Nobbi stellt Nicky Hopkins „Tin Man Was a Dreamer“ vor. FOTO: Dylan Cem Akalin

Nobbis Plattentipps: Nicky Hopkins „Tin Man Was a Dreamer“ (1973)

Nein, es ist nicht John Lennon. Aber „The Dreamer“ könnte von dem Beatle sein, ist aber von Nicky Hopkins, von dem man sagt, dass er der unbekannteste Rockstar seiner Zeit war. „The Tin Man Was a Dreamer“ erschien 1973 bei Columbia Records. Hopkins wurde wegen seines unverwechselbaren, melodischen Stil am Klavier und Wurlitzer E-Piano für unzählige Studioproduktion engagiert. Dieses Album bot die seltene Gelegenheit, ihn singen zu hören, im Gegensatz zu seinen früheren Solo-Veröffentlichungen „The Revolutionary Piano“ von Nicky Hopkins und „Jamming mit Edward“. Das Album wurde von David Briggs, dem Hauptproduzenten von Neil Young, koproduziert.

Auf dem Album spielen unter anderem George Harrison (in den Credits als „George O’Hara“) mit unverwechselbarem Slidesound, Mick Taylor (Lead Guitar), Klaus Voormann (Bass) und die von den Rolling Stones ebenfalls häufig eingesetzten Bobby Keys (Saxofon) und Jim Price (Trompete). Auch dabei auf einigen Stücken: der damals noch recht unbekannte Chris Rae.

Tatsächlich wären etliche Songs der Rolling Stones, der Beatles („Revolution“)  oder The Who wohl anders klingen, wenn der zurückhaltende und als schüchtern geltende Brite aus Perivale, Middlesex, (24. Februar 1944 – 6. September 1994) nicht beteiligt gewesen wäre. Besonders prägend: das Klavier auf „Angie“ (1973). Aber er spielte auch auf Songs wie „We Love You“, „She’s a Rainbow“ (beide 1967), „Sympathy for the Devil“ (1968), „Monkey Man“ (1969), „Sway“ (1971), „Loving Cup“ und „Ventilator Blues“ (1972),  „Time Waits for No One“ (1974) and „Waiting on a Friend“ (1981). Kein Wunder also, dass die Stones Nicky auf etliche Tourneen mitnahmen.

Hopkins spielte auch auf vielen Singles von  den Easybeats, Kinks, The Pretty Things oder The Move. 1967 trat er der Jeff Beck Group bei. Die Band wurde bekanntlich als Vehikel für den ehemaligen Yardbirds-Gitarristen Jeff Beck konzipiert und ihr gehörten auch Sänger Rod Stewart, Bassist Ronnie Wood und Schlagzeuger Micky Waller an. Er blieb bei der Band bis zu ihrer Auflösung im August 1969. Mit den Kinks nahm er vier Studioalben auf: The Kink Kontroversy (1965), Face to Face (1966), Something Else (1967) und The Kinks At the Village Green Preservation Society (1968). Danach verschlechterte sich die Beziehung zwischen Hopkins und den Kinks — vor allem, weil Hopkins sich ärgerte, weil „ungefähr siebzig Prozent“ der Keyboards auf dem Album von ihm gewesen waren, aber Ray Davies die Mehrheit der Keyboardarbeit sich selbst zuschrieb.

Nachdem sich Beatles auflösten, arbeitete Hopkins mit jedem der vier bei deren Soloprojekten. Zwischen 1970 und 1975 arbeitete er mit John Lennon, George Harrison und Ringo Starr und leistete wichtige Beiträge bei den Soloalben „Imagine“, „Living in the Material World“ und „Ringo“. Mit Paul McCartney arbeitete er nur einmal – auf dessen 1989er Album „Flowers in the Dirt“.

Überraschend auf „The Tin Man Was a Dreamer“ ist die magische, sanfte Stimmung seiner Stimme und wie erstaunlich gut ausbalanciert alle Arrangements sind. Sein unverwechselbares Klavier übertönt die Songs an keiner Stelle, so dass er irgendwie auch wie ein Gastmusiker auf seiner eigenen Platte klingt. Wahrscheinlich fühlte sich der Vollblut-Session-Musiker mit dieser Rolle am wohlsten.

Das Album ist dennoch hauptsächlich ein Piano-Rock-Werk und wechselt zwischen orchestrierten, romantischen Nummern und treibenden Boogie- oder Down-Rock-Nummern. Als Pianist hatte Hopkins wie gesagt einen unverwechselbaren kraftvollen Stil, aber seine Stimme ist von gewisser  Besonnenheit. Das funktioniert gut auf der Ballade „The Dreamer“ und dem starken „Waiting for the Band“. Dennoch lässt sich Hopkins bei einigen Stücken von Jerry Williams unterstützen, so etwa auf dem Boogie „Banana Anna“ oder „Shout It Out“. Hopkins‘ enorm ernster Gesang auf „Lawyer’s Lament“ lässt den Zuhörer fast zweifeln, ob ihm der Song wirklich Spaß gemacht hat.

Insgesamt ein starkes Album mit gehörigem Dokumentationscharakter für die großartige Bedeutung eines der meist unterschätzten Musiker im Rock, der es, wohl aufgrund seiner zurückhaltenden Persönlichkeit, nie geschafft hat, solo wirklich durchzustarten.