Crossroads IV: Der Spaßfaktor kommt zuletzt. Eine Bilanz

Wolf Maahn und The Buttshakers mit Ciara Thompson schließen das Crossroads Festival in der Harmonie. FOTO: Peter Szymanski

Der Spaßfaktor kam am letzten Festivaltag. Wenn James Brown eine Frau gewesen wäre, wäre er wohl als Ciara Thompson auf die Welt gekommen. Spätestens bei „Satisfied“ wurde das am Samstagabend in der Harmonie klar. Die Martini-trockenen Bläsersätze, die Granny-Smith-knackige Gitarre, der vollnussschokoladige Bass und eben der kräftig-blumige Gesang Ciaras, der Ecken und Kanten wie ein guter alter Ardbeg hat, sind die Markenzeichen von The Buttshakers.

Klar, sie haben sich dem Motown Sound der 60er Jahre verpflichtet. Dennoch machen sie ihr Ding. Dynamisch, voller Power, voller Energieriegel, schweißtreibend wie ein guter Fitnesskurs ist ihr von Rhythm ’n‘ Blues und Funk durchtriebener Soul. Für mich die klaren Gewinner des Herbstcrossroads.

Ja, Wolf Maahn, hat natürlich abgeliefert, kam mir eher wie ein Bruce Springsteen für die Handtasche vor. Vor allem, wenn er „Gelobtes Land“ aus seinem aktuellen Album singt. Das ältere Publikum, das den deutschen Rockstar noch aus den 80er Jahren zu kennen schien, freute sich natürlich über Songs wie „Rosen im Asphalt“. Das alles war nett, aber nicht mehr.

Überhaupt: Crossroads im Herbst 2015 zeigte sich merkwürdig rückwärtsgewandt. Ja, ja, der SPIEGEL war auch an einem Abend da – wegen der Stuttgarter Band Die Nerven, die grad von der Berliner Kulturkritikerszene so hochgelobt wird. In Bonn raunzten sie das Publikum an. Das gefiel dem Kollegen vom SPIEGEL. Hatte was von Handkes Publikumsbeschimpfung, war aber nur irgendwie peinlich und pubertär. Die Musik von den Nerven, und auch von Love A, ist es auch. Wahnsinnig oldschool. Love A machen einen auf The Cure für Arme, Die Nerven wollen poetischen Punk machen und rotzen gelangweilte Texte wie „Ich laufe über Scherben ohne mich zu verletzen“ raus. Das alles ist musikalisch wie gesanglich ganz großer Mist, kommt aber gut an, weil es Retro ist. Und die 1980er Jahre sind halt grad angesagt.

The Volcanics (siehe auch hier und hier) aus dem australischen Perth waren eine weitere große Enttäuschung. Ihr als rauer  Rock ’n‘ Roll angekündigter Post-Punk-Classic-Rock war völlig uninspiriert. Da kamen Sun And The Wolf (siehe auch hier und hier), eine neuseeländische Band aus Berlin (!), mit ihrem psychedelischen Rhythm ’n‘ Blues schon engagierter rüber. Doch auch ihr Sound ist mit ihren Sixties-Reverenzen leider auch rückwärtsgewandt. Wo ist das Innovative?

Innovativ ist die amerikanische Slideguitar-Legende Sonny Landreth (siehe auch hier und hier) auch nicht wirklich. Ja, ja, da gab es viele fulminante Soli zu sehen. Aber das alles war sehr selbstverliebt und technikversessen. Das Gefühl blieb leider meistens auf der Strecke.

Da gehörte das britische Trio Miraculous Mule (siehe auch hier und hier) schon eher zu der Sorte, die zumindest etwas wagten. Das sehr eigene Bassspiel von Patrick McCarthy, der es manchmal fast wie eine E-Gitarre anschlug, sein ungemein cooler Gesang machten ihren Auftritt zu meinem zweiten Ausrufezeichen des viertägigen Rockpalast-Festivals.  Hoffen wir auf das nächste Crossroads im Frühjahr 2016 – und dann bitte mehr coole Bands wie Go Go Berlin oder Kill It Kid! (Lina Macke)